Hans Küng zum 90. Geburtstag

Karl-Josef Kuschel würdigt Hans Küng bei dem Anlass seines 90. Geburtstags

Hans Küng im Gespräch mit Ludmila Javorová und František Mikeš.

Preisverleihung des Herbert Haag Stiftung Preises der Verborgenen Kirche der Tschechoslowakei, April 2011, Donaukirche, Wien. Foto: Ľubo Bechný

 

Karl-Josef Kuschel, einer den engsten MitarbeiterInnen von Hans Küng, hat zu dieser Stunde Hans Küng bei der Anlass seiner 90. Geburtstag gewürdigt.

Kuschel ist selbst ein hervorragende Theologe und Sprachwissenschaftler, seine Zusammenarbeit mit Hans Küng an dem Projekt Weltethos wird für immer in der Erinnerung bleiben.

Wir danken Karl-Josef Kuschel, dass er den Text für unsere Plattform zur Verfügung stellt.

 

In über 60 Jahren ist sein Werk gewachsen. Und er selber hat diesen Wachstumsprozess einmal mit konzentrischen Kreisen verglichen. Sie gehen von einer Mitte und erweitern sich Kreis für Kreis. 1957 beginnt Hans Küng mit einer brillanten Dissertation zur Rechtfertigungslehre, einem zentralen Lehrsatz des Protestantismus, und arbeitet sich in das Werk des damals grössten protestantischen Theologen so ein, dass er einen Konsens feststellen kann zwischen ihm und der recht verstandenen katholischen Lehre. Eine Pioniertat mit unschätzbaren Folgen für die Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten. 30 Jahre ist Hans Küng alt, und sein Name hat Signalwirkung für eine neue, zeitgemässe katholische Theologie.

Diesen ersten Kreis (Kirche, Ökumene) bearbeitet er jetzt weiter. Theologie kann sich für ihn nicht länger auf Selbstbestätigung des eh und je Katholischen reduzieren, sondern sieht sich im Dienst an der inneren Erneuerung der katholischen Kirche und der Versöhnung zwischen den getrennten Christen. Küng ist zur Stelle, als das 2. Vatikanische Konzil 1962 eröffnet wird, bereitet es durch seine Programmschrift „Konzil und Wiedervereinigung“ (1960) geistig mit vor und zieht daraus die nötigen Konsequenzen für ein sowohl biblisch fundiertes wie zeitgenössisch gelebtes Kirchenbild („Die Kirche“, 1967). Prompt treibt ihn das in die Konfrontation mit dem römischen Lehramt, zumal Küng nach Ende des Konzils (1965) den Reformschub erlahmen sieht und er für diese Reformunwilligkeit nicht zuletzt den Unfehlbarkeitsanspruch des römischen und bischöflichen Lehramtes verantwortlich macht. Mit seinem Buch „Unfehlbar? Eine Anfrage“ (1970) löst er eine internationale und ökumenische Debatte aus, die ihresgleichen sucht und ihm 1979 den Entzug der „kirchlichen Lehrbefugnis“ einträgt.

Zu dieser Zeit hatte Hans Küng längst den ersten Kreis überschritten und sich – angesichts der Herausforderungen durch Säkularismus und Humanismus – einem zweiten Kreis geöffnet und sich mit Grundsatzfragen auseinandergesetzt, die nicht länger Katholiken und Protestanten allein betreffen, sondern alle Christen gleichermassen. Der binnenkirchliche Rahmen musste gesprengt werden. Fragen aus der Gesellschaft waren aufgebrochen, die Christen allesamt betreffen und gleichzeitig herausfordern. Mit Büchern wie „Christ sein“ (1974) und „Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit“ (1978) reagiert Küng darauf. Er weiss, wir leben heute in einer weitgehend säkularen, nachchristlichen Gesellschaft. Christ sein und Gottesglauben sind nicht nur nicht mehr selbstverständlich, sie stehen unter Rechtfertigungsdruck. Gefragt werden muss ganz neu: Was ist das spezifisch Christliche, 2000 Jahre Christentumsgeschichte hin oder her und warum überhaupt noch an Gott glauben, auch nach 200 Jahren Religionskritik durch Meisterdenker wie Feuerbach und Marx, Nietzsche und Freud. Wie kaum ein anderer Theologe seiner Zeit hat Küng ein Gespür für das, was das 2. Vaticanum „die Zeichen der Zeit“ genannt hat. Die weiss er wahrzunehmen und zu deuten.

Mit demselben Gespür erkennt Hans Küng die Bedeutung eines dritten Kreises. Denn wer sein Christsein und seinen Gottesglauben gegen den Humanismus zu behaupten weiss, sieht sich zugleich mit religiösen Alternativen konfrontiert: mit Religionen, die das Angesicht der Menschheit entscheidend geprägt haben: Religionen nahöstlichen (Judentum, Christentum und Islam), indischen (Hinduismus und Buddhismus) und chinesischen Ursprungs (Konfuzianismus, Taoismus). Wer seinen Glauben glaub-würdig leben will, kommt somit um eine Auseinandersetzung mit den grossen Religionen nicht herum. Küng stellt sich ihr schon 1988 in „Christentum und Weltreligionen. Hinführung zum Dialog mit Islam, Hinduismus und Buddhismus“, spitzt sie aber schon 1990 zu in seiner Programmschrift „Projekt Weltethos“. Drei Jahre später sollte es zu einer „Erklärung zum Weltethos“ kommen, die nach einem Entwurf von Küng durch das „Parlament der Religionen der Welt“ 1993 in Chicago verabschiedet wurde und einen Konsens der Religionen in Fragen der Werte und Maßstäbe formuliert, unbeschadet ihrer bleibenden fundamentalen Glaubensunterschiede. Keine fünf Jahre später wird die Stiftung Weltethos ins Leben gerufen, deren Präsident Küng bis 2013 bleibt, nachdem seine Gesundheit ihm mehr und mehr Grenzen gesetzt hatte. Die Schriften zum Dialog mit den Weltreligionen und zu Fragen Weltethos füllen den dritten Kreis aus. Ein „Handbuch Weltethos“ (2012) bildet die Summe aller Bemühungen um ein Christ sein, das sich den Herausforderungen des religiösen und ethischen Pluralismus gestellt hat.

Damit hatte sich für Küng ein grosser geschichtlicher Bogen geschlossen. Schon 1964 hatte er bei einem Kongress im indischen Bombay erste Analysen zum Thema „Christenheit als Minderheit“ in der einen Weltgesellschaft vorgelegt, noch ganz beschränkt auf die damals klassische Frage katholischer Religionstheologie: „Können Nichtchristen gerettet werden?“ Einen langen Weg ist er gegangen von Fragen der „Weltmission“ zu den Herausforderungen der Weltreligionen an heutiges Christ sein. Ein langer Weg von der Klärung der Heilsfrage für Nichtchristen zu einem gemeinsamen Ethos von Glaubenden und Nichtglaubenden. Es ist ein Lernweg für Hans Küng geworden, gegangen mit Leidenschaft für die Sache und zäher Arbeitsdisziplin. Lernen kann man bei ihm interreligiös vernetztes Denken. Küngs Bücher sind Dokumente eines globalen Wissenstransfers und gleichzeitig eine Diagnose der religiösen Situation der Zeit im Zeitalter der Nach-Moderne. Sein Werk, dessen Gesamtausgabe am Ende 24 Bände umfassen wird, ist mit seinem unverwechselbaren Profil aus der Theologiegeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken.

In Sachen Religionstheologie gibt es bei Küng eine Grundsatzreflexion auf den Status der grossen Religionen und ihre Zukunft. Man begegnet ihr nicht häufig in seinem Werk, aber sie gibt es, nachzulesen in Küngs Buch „Theologie im Aufbruch“ von 1987. Zum Abschluss des Kapitels „Gibt es die eine wahre Religion?“ fasst Küng noch einmal seine religionstheologische Grundüberzeugung zusammen. Für ihn als glaubenden Menschen, schreibt er, sei das Christentum „die wahre Religion, sofern es von Gott in Christus“ zeuge. Aber die „ganze Wahrheit“ habe „keine Religion“, die ganze Wahrheit habe „nur Gott allein“. Nur Gott selbst sei „die Wahrheit“ (S.305). Was Küng daraus folgert, ist in einem der eindrucksvollsten Texte zur Sprache gebracht, die ich von Hans Küng kenne, nachzulesen in seinem Buch „Theologie im Aufbruch“ (1987):

„Auch Christen können nicht beanspruchen, ihn, den Unbegreiflichen zu begreifen, ihn, den Unerforschlichen, erfasst zu haben. Auch im christlichen Glauben erkennen wir nach Paulus die Wahrheit selbst, die Gott ist, in rätselhaften Umrissen, bruchstückhaft, facettenhaft, abhängig von unserem ganz bestimmten Standpunkt und Zeitpunkt. Ja, auch die Christenheit ist ‚in via’, auf dem Weg: ‚Ecclesia peregrinans, homines viatores.’ Und wir sind auf dem Weg nicht allein, sondern mit Abermillionen anderer Menschen aus allen möglichen Konfessionen und Religionen, die ihren eigenen Weg gehen, aber mit denen wir je länger desto mehr in einem Kommunikationsprozess stehen, wo man sich nicht um Mein und Dein, meine Wahrheit – deine Wahrheit, streiten sollte; wo man vielmehr, unendlich lernbereit, von der Wahrheit der anderen aufnehmen und von seiner eigenen Wahrheit neidlos mitteilen sollte.

Wohin aber, wird mancher fragen, wird das alles führen? Die Geschichte ist nach vorne offen, und nach vorne offen ist auch der interreligiöse Dialog, der anders als der interkonfessionelle – gerade erst begonnen hat … Wie die Christologie, Koranologie oder Buddhologie, wie die Kirche, die Umma, der Sangha des Jahres 2087 aussehen wird, wer weiss das?

Sicher, was die Zukunft betrifft, ist nur das eine: am Ende sowohl des Menschenlebens wie des Weltenlaufs werden nicht Buddhismus oder Hinduismus stehen, aber auch nicht der Islam und nicht das Judentum. Ja, am Ende steht auch nicht das Christentum. Am Ende wird überhaupt keine Religion stehen, sondern steht der eine Unaussprechliche selbst, auf den alle Religion sich richtet, den auch die Christen erst dann, wenn das Unvollkommene dem Vollkommenen weicht, ganz so erkennen, wie sie selbst erkannt sind: die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht. Und am Ende steht so zwischen den Religionen nicht mehr trennend ein Prophet oder ein Erleuchteter, steht nicht Mohammed und nicht der Buddha. Ja, auch der Christus Jesus, an den die Christen glauben, steht hier nicht mehr trennend. Sondern er, dem nach Paulus dann alle Mächte (auch der Tod) unterworfen sind, ‚unterwirft sich’ dann Gott, damit Gott selbst – oder wie immer man ihn im Osten nennen mag – wahrhaft nicht nur in allem, sondern alles in allem sei. (1 Kor 15,28)“.