Viren feiern keine Feiertage

Wir müssen darauf bestehen, dass die Beschränkungen der persönlichen Freiheit aufhören, sobald das Risiko vorbei ist

Dr. Peter Križan ist Experte für Genetik und Erbkrankheiten, zuvor hat er als Facharzt für Innere Medizin gearbeitet. Er erklärt im Karpatenblatt-Interview, wie man sich am besten vor dem Corona-Virus schützt, was ihn selbst an dieser Pandemie erstaunt hat und welche Entwicklung er für dieses Jahr erwartet.

Was ist eigentlich das Gefährliche am Corona-Virus?

COVID19 ist heute die wichtigste übertragbare Krankheit in Europa. COVID19 steht für CO wie Corona, VI wie Virus, D wie Erkrankung/engl. disease, 19 wie das Jahr 2019, in dem die Erkrankung in dieser Form aufgetaucht ist. Einige Patienten haben schwere Symptome und einen komplizierten Verlauf, andere sterben an der Krankheit. Das Gesundheitswesen ist in den am stärksten befallenen Gebieten überlastet, die Wirtschaft stagniert und das soziale Leben versagt.

Auf europäischer Ebene besteht aber das Gefühl einer europäischen Gemeinschaft und einer starken Solidarität, zum Beispiel bei der Unterstützung der Entwicklung von Impfstoffen, ihres gemeinsamen Ankaufs und ihrer gerechten Verteilung. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass die Grenzen zwischen den Mitgliedstaaten geschlossen und die individuellen Freiheiten in einem Ausmaß eingeschränkt werden, das bis vor kurzem undenkbar gewesen wäre.

Wie sollte man sich vor COVID19 schützen?

Man sollte die Empfehlungen respektieren, sich die richtigen Gewohnheiten aneignen und sie seinen Kindern und seiner Umgebung vermitteln. Wir haben uns sehr schnell daran gewöhnen müssen, dass wir uns nicht mit Umarmen, Küssen oder Händeschütteln begrüßen dürfen. Wir müssen uns noch daran gewöhnen, dass unsere Hände desinfiziert werden müssen, wenn wir aus dem Bus aussteigen oder den Türgriff bei der Post anfassen. Schwieriger ist für uns die Pflicht, einen Mundschutz zu tragen. Wir dürfen dabei nicht so tun „als ob“, das ist unnötig und sogar schädlich. Alle Maßnahmen, die das Infektionsrisiko verringern, sind jedoch weniger wirksam, wenn sich die Krankheit schnell ausbreitet und viele infiziert sind. Anstatt vorsichtiger zu sein und die Maßnahmen zu verschärfen, stoßen wir dann häufiger auf Fragen nach ihrer Bedeutung. Das erleben wir jetzt. Zum Glück hat das Impfen bereits begonnen! Die Impfung gegen Infektionskrankheiten ist einer der größten Durchbrüche aller Zeiten im Gesundheitswesen. Eine ausreichende Impfung der europäischen Bevölkerung wird die Auswirkungen von COVID19 auf unser Leben schwächen und es aus den Schlagzeilen verdrängen.

Was weißt du heute über die Ansteckung, was du vorher nicht gewusst hast?

Mein medizinisches Arbeitsfeld ist Genetik und Erbkrankheiten. Sie gehören ebenfalls zur Gruppe der übertragbaren Krankheiten. Sie werden auch von Menschen zu Menschen übertragen. Indem sie Kinder haben, verbreiten sie sie langsam und unauffällig im Laufe der Zeit von einer Generation an die zukünftigen Generationen und sie migrieren über große Entfernungen in der ganzen Welt. Die Unauffälligkeit von COVID19 ist Erbkrankheiten sehr ähnlich, da sie von einer Person ohne Symptome übertragen werden können. Im Vergleich zu der Generationsübertragung in der Genetik hat mich diese Geschwindigkeit bei der Virusübertragung überrascht. Wie auf der Autobahn kann ein Moment der Unaufmerksamkeit fast sofort sehr schwerwiegende Folgen verursachen.

Jetzt haben wir das neue Jahr 2021. Was hat uns diese Pandemie gezeigt?

Viren feiern keine Feiertage. Sie maximieren ihr Wachstum, denken nicht an die Zukunft und werden bald enden. Das Jahr 2020 war für uns Menschen wichtig und das neue Jahr wird wieder wichtig sein, weil wir uns im Gegensatz zu Viren um uns kümmern. Wir haben gelernt, dass wir uns einigen können, dass wir in eine gemeinsame Sache investieren können, dass wir im Notfall die Produktionsprozesse und die behördliche Genehmigung verkürzen können. Dies umgeht nicht die gute Laborpraxis oder ein Spielen mit der Arzneimittelsicherheit. Wir haben gezeigt, dass wir wichtige Regeln wirklich respektieren und befolgen können. Ich gehe davon aus, dass dies wie im Fall von COVID19 auch in anderen Bereichen stattfinden wird, zum Beispiel bei der Behandlung von Tumoren und der Behandlung genetisch bedingter Krankheiten. Im globalen Sinne sind dies Maßnahmen zur Rettung des Planeten. Der Appell von Wissenschaftlern und ein Beschluss der Weltregierungen werden nicht genügen, jeder von uns sollte eine bestimmte Genügsamkeit finden.

Wieso ist es wichtig, sich impfen zu lassen?

Viele der Regeln, die ich befolge, schützen mich und gleichzeitig andere wie die üblichen Vorschriften im Straßenverkehr. Deren Einhaltung kostet mich nichts, sie gefährdet mich nicht und schützt alle. Es gibt aber auch gesellschaftliche Herausforderungen, die mich auffordern, mit Risiken umzugehen. Im Moment ist es nicht genug, für das Impfen als Win-Win-Strategie zu werben. Heute geht es nicht mehr darum, zu fordern, zu zwingen, zu bestrafen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Schwelle einer wirksamen Impfrate durch die Freiwilligkeit des Willens in Kombination mit der rationalen Berechnung anderer erreicht wird. Schließlich benötigt einer eine Impfbescheinigung für den Kindergarten, der andere für ein Ticket nach Australien und der dritte für etwas anderes. Von nun an wird das eigene Impfrisiko mit Vor- und Nachteilen gemessen, von dem die Organisatoren und der „Staat“ nicht einmal träumen. Weil wir unser Leben leben. Es ist wichtig, ob wir ein etwas höheres Dach der Verantwortung für diese Grundhaftigkeit füreinander, für eine gemeinsame Zukunft und eine gemeinsame Welt bauen können.

Was würdest du gerne den Menschen zum Thema Pandemie und Impfung mitteilen?

Die gesamte Menschheit wird die COVID19-Pandemie physisch überleben. Die Opfer sind statistisch weniger signifikant als zum Beispiel vor 100 Jahren in den Tagen der Spanischen Grippe. Doch es gibt einige „Aber“. Aber wir haben eine persönliche Verantwortung für alle, die nicht sterben mussten, wenn wir die Maßnahmen befolgt haben und freiwillig geimpft wurden. Aber wir müssen die Risiken akzeptieren, die zum Beispiel gegebenenfalls mit einer Impfpflicht einhergehen, um Epidemien und Pandemien vorzubeugen. Aber wir müssen darauf bestehen, dass klare Regeln dafür gelten, welche Einschränkungen wir in welchen Risikosituationen ertragen müssen. Aber wir müssen darauf bestehen, dass die Beschränkungen der persönlichen Freiheit aufhören, sobald das Risiko vorbei ist.

 

Das Gespräch hat Hubert Kožár geführt und es ist von Katrin Litschko übersetzt worden.

Wir sind sehr dankbar, dass wir den Artikel (Karpatenblatt, am 6. Januar 2021) auch auf der Webseite von ok21 veröffentlichen dürfen.