Felix Maria Davídek

Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten…(Lk 6, 44) Jeder guter Baum trägt gute Früchte…(Mt 7.17)

Felix Maria Davídek (Wikipedie)

Diese Worte Jesu sind allgemein bekannt. Man muss nicht unbedingt Christ sein,  um der Botschaft dieser Aussagen zuzustimmen. Das, was eine gute Mutter, ein  guter Vater in die Kinder sät, durch Erziehung, Worte, persönliches Beispiel, dies alles wird trotz der möglichen Stürme des Lebens gute Früchte in ihren Nachkommen tragen.

Am 12. Januar dieses Jahres waren  genau 100 Jahre seit der Geburt von Felix Maria Davídek vergangen. Für die meisten Tschechen und Slowaken eine völlig unbekannte Person. Ich hatte das Glück in der Zeit des Kommunismus zu der Minderheit zu zählen, die über diesen Man gut informiert war.

Es war lange bevor ich im Jahre1983 nach Österreich emigrierte. Ich war damals Mitglied der geheimen, verborgenen Kirche, ich habe Priester, Ordensleute und viele anderen Menschen persönlich gekannt, die jahrelang als politische Gefangene in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei im Gefängnis verbracht haben. Aus den Erzählungen vieler, die durch das Gefängnis gegangen sind, begann ich zu ahnen, was für ein Mensch er war. Sehr viel hat mir Sebastian Jaďuď und andere Kapuziner über Davídek erzählt, die ihm persönlich im Gefängnis begegnet sind. Ich war damals ein junger, im Verborgenen tätiger Kapuziner. Felix Maria Davídek war auf jeden Fall innerhalb der verborgen Kirche ein Begriff!

Er wurde 1945 in Brünn zum Priester geweiht. In den folgenden Jahren, bis er 1950 verhaftet wurde, bildete er sich auf der UNI in verschiedenen Wissenschaftsfächer weiter fort und arbeitete zugleich als Kaplan in einer Pfarre. Aufgrund einer konstruierten Anklage wegen angeblicher antikommunistischer Tätigkeiten wurde er mit vielen anderen Priestern und Ordensleuten zu einer 14- jährigen Haftstrafe verurteilt. Erst im Jahre 1964 wurde er im Rahmen einer Amnestie entlassen. Aus den konkreten Zeugenaussagen, an die ich mich bis jetzt sehr gut erinnere, kommt hervor, dass F. M. Davídek ein außerordentlicher, in vielerlei Hinsicht begabter Mensch war.

Neben dem Studium der Theologie machte er auf der Masaryk Universität in Brünn den Doktor der Philosophie und studierte anschließend Pädagogik, Medizin und ohne Abschlussarbeit auch Kybernetik und die Handelswissenschaften. Er beherrschte sehr gut Deutsch, Englisch und Spanisch. Alle diese Talente hätten ihn zu einer einflussreichen, besonders wichtigen Karriere innerhalb der katholischen Kirche prädestiniert, gäbe es nicht die drastischen Maßnahmen des kommunistischen Regimes, die alles unterbrochen haben. Paradoxerweise konnte aber nicht einmal das Gefängnis die Entfaltung seiner Talente verhindern. Im Gefängnis gehörte er für andere Gefangenen vor allem aus den Reihen der verschiedenen Orden, zu den wichtigsten Bildungspersönlichkeiten. Zugleich erfreute er sich als einer, der solche Begabungen hat und sich für alles Neue und Innovative interessiert, auch als Kamerad aller Gefangenen großer Beliebtheit. Trotz des Gefängnisaufenthaltes, trotz der Isolation, trotz des Verlustes der Bewegungsfreiheit und der Kontakte zur freien Gesellschaft des Westens ist ihm der neue Geist in der Kirche, ausgerufen durch die Ereignisse des II. Vatikanischen Konzils, nicht entgangen.

Über verschiedene geheime Kanäle sind Nachrichten aus dem Westen zu ihm gekommen; er konnte die Bücher der neuen Theologie lesen und war so immer auf dem neusten Wissenstand und bestens über das kirchliche Leben informiert. Für die begrenzten Möglichkeiten, die es damals in der ČSSR gab, gehörte F. M. Davídek ganz sicher zu den best informierten, gebildetsten und visionären Kirchenleuten seines Landes.

Es überrascht also nicht, dass er bald nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu den wichtigsten Personen innerhalb der verborgenen Kirche zählte. Innerhalb der verborgenen Kirche gelang es ihm, seine Ideen zu verbreiten, obwohl jeder seiner Schritte streng von der Geheimpolizei überwacht wurde.

  1. Davídek ist für die kommunistische Regierung zur „Persona non grata“ geworden, da er für sie der Feind Nr. 1. war, weil er ihre Führungspläne durchschaute und kritisierte. Wegen seines Einsatzes für die Meinungsfreiheit und vor allem für das von Johannes XXIII. propagierte Aggiornamento in der theologischen Wissenschaft und der geltenden Kirchenpraxis wurde er auch innerhalb der damaligen, offiziellen hierarchischen Kirche in der ČSSR zu einer „Persona non grata“.
  2. Als Feind sah ihn vor allem die damalige pro-kommunistische Priesterorganisation „Pacem in terris“. Priester dieser Organisation lebten einerseits völlig von Rom isoliert, andererseits waren sie theologisch weniger gebildet, weil sie aus Desinteresse eine Auseinandersetzung mit der neuen Theologie verweigerten.
  3. Die Entwicklung der kirchlichen Situation in der Tschechoslowakei zeigte leider nach dem Zerfall des Kommunismus, dass F. M. Davídek auch für die neue, frei gewählte Kirchenleitung eine „Persona non grata“ war. Die „verborgene Kirche“ also war sowohl der kommunistischen Regierung als auch der pro-kommunistischen klerikalen Kirche und leider auch der neuen postkommunistischen Hierarchie ein Dorn im Auge.

Wie es leider  nach dem Motto, wer die Macht hat, dem auch „die Wahrheit” dient oft geschieht, funktioniert als Prinzip: Hundert Mal wiederholte Lüge wird zur Wahrheit. Dies erwies sich auch im Leben von F. M. Davídek. Der Großteil der Gesellschaft wusste von der Existenz der verborgenen Kirche nichts. Auf der anderen Seite bemühte sich die Regierung eine falsche Propaganda über sie zu verbreiten, indem sie die verborgene Kirche als den Feind des Landes darstellte, oder als eine kleine Gruppe fanatischer Gläubigen, die in einer Irrlehre leben.

In solch einer Gesellschaft und einer Atmosphäre der Lüge und Angst zu leben, auch noch nach 14-jährigem Gefängnisaufenthalt, ist nicht einfach. Im Gegenteil: Für viele Mitglieder der damaligen verborgenen Kirche hieß das als Held und Märtyrer zu leben. Dies galt besonders für F. M. Davídek.

Wenn ich jetzt über diese Epoche nachdenke, und ich habe ja selber meine eigenen Erfahrungen gemacht, muss ich mich mit allem Respekt vor diesem großartigen Menschen verbeugen. Trotz all der Bespitzelungen und Behinderungen hatte F. M. Davídek einen unglaublichen, enormen Tätigkeitsradius in der ganzen ehemaligen ČSSR. Aus heutiger Sicht ist es unbegreiflich, wie er das schaffen konnte. Es ist bewundernswert, aber auch unbegreiflich, welche Visionen, Übersicht, aber auch Informationen er damals hatte. Auf der Ebene der Theologie und der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, die er so gründlich wie niemand in der Tschechoslowakei studierte und kannte, hatte er schon damals neue Möglichkeiten für die Tätigkeit der Frauen in der Kirche gesucht. Schon damals lag ihm am Herzen, dass die Ämter der Kirche wie Priester oder Bischof auch für Frauen offen stehen sollen. Er kannte natürlich das Amtsverständnis der Kirche, ihre Ausrichtung gemäß der Tradition. Ihm war klar, dass er mit seinen neuen Ideen gegen eine Wand läuft, dass er missverstanden wird, ja sogar zum Häretiker erklärt werden wird, der sich von der Plattform des römischen Katholizismus auf die Plattform des Protestantismus begeben hat. Er hatte tatsächlich sehr viel riskiert, als er sich entschloss als geheimgeweihter Bischof die erste Frau zur Priesterin zu weihen. Er war ein intellektueller, perfekt ausgebildeter Theologe. Im Vergleich zu den anderen hatte er außerdem einen enormen Vorsprung: Er wusste aus eigener Erfahrung, wie mächtig und gefährlich ein spitzel-diktatorisches Regime sein kann. Dennoch wagte er den Schritt unter Berufung auf sein Gewissen und sein Studium und seine Lebenserfahrungen, eine Frau zur Priesterin zu weihen. Offiziell wurde niemals bestätigt, ob er vier oder mehr Frauen geweiht hat. Wir wissen nur von Ludmila Javorová. Wenn ich sie immer wieder höre, ich kenne sie auch persönlich, oder wenn ich etwas von ihr lese, kommen mir automatisch die Worte aus dem Evangelium über die guten Früchte, die ein guter Baum trägt. So stelle ich mir einen guten Menschen vor, als eine Person, deren Handeln das Tun eines anderen guten Menschen ist. So stelle ich mir einen guten Priester, eine gute Priesterin vor, als eine Nachfolgerin eines anderen guten Priesters, Bischofs oder Bischöfin.

Ich kenne auch andere Priester und Bischöfe, die F. M. Davídek geweiht hat, und bei ihnen allen habe ich ein sehr gutes Gefühl. Ich denke dabei auch an meine Tante, die Schwester meines Vaters, Anežka Žaloudkova aus Litostrov bei Brünn. Sie, ähnlich wie F. M. Davídek, hat den Zerfall des Kommunismus nicht erlebt. Sie war ein aktiver Mitglied der Davídekgruppe, wurde zur Diakonin geweiht und bereitete sich auf die Priesterweihe vor. Zu der Priesterweihe ist es leider nicht gekommen, weil sie erkrankte und verstarb.

Peter Sepp schrieb in seiner Doktorarbeit im Jahre 2002 über die geheim geweihten Frauen zur Zeit des Kommunismus in der Tschechoslowakei auf der Wiener Universität unter der Führung des Dekans der Theologischen Fakultät Paul Zulehner im Kapitel „Bischof Davídek und die Verborgene Kirche Koinotes“ von einer Synode, ausgerufen durch Davídek im Jahre 1973 in Červený Dol. Davídek wollte auf dieser Synode den Frauen die Gelegenheit geben, sich zu einigen Pastoralpraktiken zu äußern. Sepp benützt dabei Informationen zweier bekannter Historiker Peter Fiala und Jiří Hanuš aus dem Buch über die geheime Kirche in der Tschechoslowakei. Beide Historiker behaupten, dass Davídek diese Synode deswegen ausgerufen hat, um den Frauen die Chance zu geben, die liturgischen Texte, die man während der Messe liest, so zu überarbeiten, dass sie der Rolle einer geweihten Priesterin besser entsprechen. Bei der Organisation dieser Synode haben sich damals ca. ein Dutzend Frauen beteiligt, unter denen waren auch Ludmila Javorová und Anežka Žaloudková. Auf der Synode haben etwa 50 Menschen teilgenommen, unter anderem einige Familien mit Kindern. Eine Rekonstruktion dieser Synode ist nicht möglich. Auf der einen Seite wurden damals aus Sicherheitsgründen angesichts einer strengen diktatorisch-kommunistischen Zeit keine schriftliche Notizen gemacht, auf der anderen Seite ist die Mehrheit der Teilnehmer heute entweder schon tot, oder diejenigen, die noch leben, sind alt und krank. Peter Sepp hatte das Glückt während seiner Recherchen, lange vor der Fertigstellung seiner Arbeit, Interviews mit damals noch 16 lebenden Frauen, die sich an der Synode beteiligt haben, durchzuführen. Manche von ihnen erinnerten sich noch gut an den Beitrag meiner Tante. Ein anderer Zeuge, der meine Tante sehr gut kannte und mit ihren Gedanken vertraut war,  hat für Peter Sepp folgende Aussage gemacht: „Ihr Gesicht schien immer zu lächeln, sie war fröhlich, sie strahlte Ruhe, Freude und Demut aus. Sie war eine sehr angenehme Frau. Sie arbeitete als Zootechnikerin in der staatlichen Landwirtschaft, zuständig für kleine Kälber und kleine Schweine in Domašov bei Brünn. Sie starb am 9. Februar 1989 im Alter von 54 Jahren und ist in Zbraslav bei Brünn begraben.“ (Peter Sepp: Geheime Weihen. Der Konflikt um die Frauen in der verborgenen tschechoslowakischen Kirche. Eine qualitative Studie mit 16 interviewten Frauen,  Seite 51, 2002.)

An den Früchten erkennt ihr den Baum. Ein guter Baum trägt gute Früchte. Ein guter Mensch ist die Garantie für einen anderen guten Menschen, sei es ein Nachkomme oder jemand, den er erzogen hat, für den er verantwortlich war. Wir könnten

weiterdenken: Ein guter Priester, ein guter Bischof, ein guter Gläubiger, ein guter Christ, ein guter Mensch… Die Reihe deren, die Garantie für die Qualität eines anderen sein können, ist endlos. Am Ende dieser unendlichen Kette dürfen wir sagen: ein guter Hirt! Für so einen guten Hirten hat sich einmal Jesus erklärt. Möge Bischof Felix Maria Davídek, ein treuer Jesusnachfolger, auch hier und jetzt für uns alle ein gutes Vorbild sein und bleiben.

Peter Žaloudek, Wien, 10. 1. 2021